Alicja und Bożena Wahl
Tensions

Eröffnung: 9. Sep. 2026, 18–21 Uhr

CCA Berlin freut sich, mit Tensions die erste umfassende, posthume Ausstellung der polnischen Künstlerinnen Alicja (1932-2020) und Bożena (1932-2025) Wahl zu präsentieren. Die Zwillingsschwestern hinterließen ein künstlerisches Werk, das Zeichnungen, Malereien und Bühnenbilder umfasst und den (weiblichen) Körper als Ort des Begehrens, der Verletzlichkeit und Projektion in den Mittelpunkt rückt. Das wiederkehrende Motiv der Dopplung verweist dabei auf einen intimen wie komplizierten Dialog zwischen den Schwestern. Insbesondere ihre Zeichnungen aus den 1960er und 1970er Jahren sind oft kaum voneinander zu unterscheiden. In Wahls gemeinsamen Bilderkosmos begegnen sich hybride Kreaturen in verstrickten emotionalen Beziehungen, geprägt vom stetigen Ringen zwischen Unabhängigkeit und Verbundenheit. Mal sind die verzerrten Figuren im Begriff sich aufzulösen, mal vereinen sich ihre langgezogenen Gliedmaßen zu einem wurzelartigen Geflecht. Indem Alicja und Bożena Wahl groteske Körperlichkeit, Lust und Schmerz miteinander verbinden, eröffnen sie einen Raum für Zweifel und Scham – Empfindungen, die zumeist im Verborgenen praktiziert werden, aber universell sind. Entsprungen aus der Auseinandersetzung mit der inneren Geisterwelt, konfrontieren Wahls surreale Vorstellungen unbequeme Selbstbilder und widersprüchliche Bedürfnisse.

Neben dem Fokus auf Zeichnungen versammelt die Ausstellung Archiv- materialien, darunter Fotografien, Briefe und Ausstellungseinladungen, die ein Netzwerk außerhalb des Eisernen Vorhangs nachverfolgen und das Werk der Wahl- Schwestern in einen internationalen Kontext einordnen lassen. Ausgewählte Entwürfe für Bühnenbilder, Illustrationen und Buchcover verdeutlichen zudem, wie vielfältig verknüpft Wahls interdisziplinäres Œuvre mit zentralen Bewegungen und Strömungen der polnischen Kunst- und Kulturszene ist. Hierzu zählt auch die von Alicja Wahl 1979 eröffnete Galerie A. B. Wahl, eine der ersten privaten Galerien in der Volksrepublik Polen, die über zwanzig Jahre aktiv war. Mit ihrem Programmschwerpunkt auf Kunst, die gleichfalls in der surrealistischen Tradition verankert ist, prägte die Galerie das kulturelle Leben Warschaus. Die Gründung bedeutete für Alicja Wahl außerdem die Schaffung eines selbstbestimmten Ortes, der Ausstellungsraum, Wohnhaus und Atelier zusammenführte und so Kunst und Alltag miteinander verschränkte.

Ausgehend von einer gemeinsamen Biografie zeugt das sehr persönliche Werk der beiden Schwestern von einem schonungslosen Blick auf sich selbst und ihr Umfeld. Während in Polen vereinzelte Künstlerinnen in der Abkehr vom sozialistischen Realismus ab den 1960er Jahren weibliche Subjektivität mittels Performance, Fotografie und Video ausloteten, nehmen Alicja und Bożena Wahl unter Rückgriff auf ein traditionelles Medium eine ganz eigene Position in der polnischen Nachkriegskunst ein. Die emanzipatorische Dimension ihrer Bilder entfaltet sich auf der Schwelle zwischen gelebter Erfahrung und Fiktion. Von hier aus ergründen die Wahl-Schwestern unzählige Perspektiven auf ein brüchiges Selbst, das nicht losgelöst von einem Gegenüber existieren kann.

Die Ausstellung wird gefördert durch das Adam-Mickiewicz-Institut und die Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit, unterstützt von der Kemmler Foundation [Kemmler Kemmler GmbH]. Die Recherchereise wurde vom Goethe-Institut gefördert.

Kuratorin: Susanne Mierzwiak
Assistenzkuratorin: Pauline Herrmann
In Zusammenarbeit mit der Nachlassstiftung Fundacja Wahl.

Die Ausstellung findet im Rahmen der Berlin Art Week statt.