Yalda Afsah
PAN
Eröffnung: 29. Jan. 2026, 18-21 Uhr
Yalda Afsah, PAN, 2026. Standbild. Courtesy die Künstlerin.
pan
[Präfix]: alles, vollständig; das Kosmische betreffend; alles umfassend bzw. sich auf alle Orte oder Menschen einer bestimmten Gruppe beziehend.
[Verb]: (eine Videokamera) langsam von einer Seite zur anderen oder nach oben und unten schwenken.
[Substantiv]: der griechische Gott der Wildnis, der Hirten, der Herden, der ländlichen Musik und der Natur.
Yalda Afsahs Film PAN (2026) beginnt in der Dunkelheit. Eine kleine Gestalt bewegt sich durch die Nacht, bald schließen sich weitere an. Flackernde Lichter treffen entlang eines ansteigenden Pfades aufeinander. Oben auf dem Hügel blicken Menschen zum Himmel und warten schweigend. Eine rote Sonne kündigt den Morgen an. Diese hypnotische Sequenz eröffnet Afsahs Auseinandersetzung mit der in Bulgarien verbreiteten spirituellen Praxis der Paneurythmie und markiert die zweite Arbeit in der neuen Werkreihe der deutsch-iranischen Künstlerin und Filmemacherin, die sich volkstümlichen Traditionen und ihrer ritualisierten Choreografien widmet. Nach ihrem eindrücklichen Porträt des Jarramplas-Festes im spanischen Piornal – bei dem Menschenmengen Rüben auf eine im Film nicht sichtbare Gestalt werfen – richtet PAN den Blick auf die spirituelle Hingabe und performative Synchronität einer Versammlung, nicht weniger ambivalent oder spannungsvoll.
Jedes Jahr im August versammeln sich rund zweitausend Menschen aus aller Welt im bulgarischen Rila-Gebirge, um Paneurythmie zu praktizieren – eine esoterische Bewegungsform, die in den 1930er-Jahren von dem bulgarischen Philosophen und spirituellen Lehrer Peter Deunov, Begründer der sogenannten Universellen Weißen Bruderschaft, entwickelt wurde. Vom Griechischen abgeleitet bedeutet pan-eu-rhythmy wörtlich „kosmischer höchster Rhythmus“ und zielt darauf ab, Körper, Gefühle und Gedanken durch eine Verbindung aus physischen Übungen und spiritueller Lehre in Einklang zu bringen. Deunov zufolge fördert die Praxis einen wechselseitigen Austausch zwischen Mensch und Kosmos und kultiviert die Einheit mit der Natur sowie innere Balance. Barfuß und in Weiß gekleidet führen die Teilnehmenden am Hochplateau nahe dem nierenförmigen Babreka-See einen choreografierten Kreistanz auf, um am 20. August das „Göttliche Neue Jahr“ zu feiern. Die Farbe Weiß gilt dabei als Symbol für die Reinheit der Seele und das allumfassende Licht spiritueller Ganzheit.
Beim Eintauchen in diese Welt lässt Afsah ihre Kamera kreisen, sich durch die Menge bewegen und über ihr schweben. Die Linse schwenkt über Körper und Gesichter – ruhige Mienen, geschlossene Augen –, während die Tänzer*innen ihre Arme im Takt ihres Gesangs wiegen. Das Zentrum des Kreises bleibt dem Blick verwehrt: Dort spielen Streichmusiker*innen, die im Film nie vollständig zu sehen sind, folkloristische Melodien zur Anleitung der Choreografie. Naturklänge und Musik vermischen sich im filmischen Werk in eine vielschichtige Klangkomposition, deren fließende Überlagerung die unheimliche Atmosphäre der Szene intensiviert. Entlang des Auf und Ab der synchronen Bewegungen rückt der Atemrhythmus hörbar in den Vordergrund und verleiht dem schwingenden Kollektiv einen intimen Puls. Aus der Vogelperspektive fügen sich die Einzelnen zu einem homogenen Körper mit eigenem Rhythmus zusammen – die weiße Ringformation wölbt und wellt sich, getragen von einem gemeinsamen, pulsierenden Takt. Der Film schließt mit einer eindringlichen Luftaufnahme, die die konzentrischen Spuren sichtbar macht, welche die Tänzer*innen im Boden hinterlassen haben: Die Erde bewahrt ein unheimliches Nachbild menschlicher Anwesenheit und Bewegung.
In den Eckräumen inszeniert Afsah eine Reihe von Installationen, die das zirkuläre Muster der Paneurythmie aufgreifen. Drei zusätzliche Bildschirme zeigen in Endlosschleife kurze Sequenzen, die den Auf- und Untergang der Sonne nachzeichnen und die drei Phasen des Rituals markieren. Vergrößerte Fotografien verstreuter Kleidungsstücke, die während der Dreharbeiten zu PAN entstanden sind, bedecken den Boden. Sie erinnern an jene Momente, in denen die Teilnehmenden vor und nach dem Ritual ihre Kleidung gewechselt und diese im Gebüsch oder auf dem Boden zurückgelassen haben. Die Künstlerin interessiert sich ebenso für diese Zwischenzustände – des Wartens, der Vorbereitung und der Ruhe – wie für das Ritual selbst. Die abgelegten Kleidungsstücke, knapp außerhalb der Kreise platziert, existieren zugleich unterhalb und jenseits der aufgeführten Homogenität. Still verweisen sie auf das, was beiseite gelegt wird – das Unterschiedliche und das Unvereinbare – in der spirituellen Suche nach Ganzheit und Harmonie mit der natürlichen Welt.
—Nan Xi
Gefördert von der Karin und Uwe Hollweg Stiftung.
Kurator*innen: Fabian Schöneich mit Nan Xi
Produktion: Franz Hempel mit Kirstine Kjeldsen
Yalda Afsah, PAN, Ausstellungsansichten, CCA Berlin, 2026. Fotos: Diana Pfammatter/CCA Berlin
Yalda Afsah (*1983, Berlin) ist eine deutsch-iranische Künstlerin und Filmemacherin, die in Berlin lebt und arbeitet. Ihre Praxis erforscht, inwieweit filmischer Raum durch filmische Techniken konstruiert wird. Ihre Arbeiten wurden in zahlreichen internationalen Ausstellungen und auf Filmfestivals gezeigt, darunter Manifesta 13, Locarno Film Festival, New York Film Festival, Berlinische Galerie, Institute of Contemporary Arts London und Neuer Berliner Kunstverein. Einzelausstellungen fanden unter anderem bei JOAN, Los Angeles (2023), Between Bridges, Berlin (2023), Halle für Kunst Steiermark, Graz (2022) und Kunstverein München (2022) statt. 2023 wurde sie mit dem Hans-Purrmann-Preis ausgezeichnet und sie ist derzeit Professorin an der HFBK Hamburg.