When Night Falls
Vierteiliges Begleitprogramm zur Ausstellung Éric Baudelaire: When Night Falls
Éric Baudelaire, When Night Falls, 2026, Filmstill. Courtesy der Künstler.
Im Jahr 1976 hielt Roland Barthes seine erste Vorlesungsreihe am Collège de France. Anhand der Lektüre von fünf literarischen Texten, die unterschiedliche soziale Topoi und die mit ihnen verbundenen Lebensweisen repräsentieren, untersucht Barthes seinen Begriff der „Idiorrhythmie“, eine Form der Sozialität, die die Dialektik zwischen dem persönlichen Rhythmus jedes Einzelnen und der Struktur der Gruppe vermittelt. Ausgehend vom Bild einer Klostergemeinschaft, die sich versammelt, um der Nacht zu trotzen, schreibt Barthes: „Einander fremd zu sein ist unausweichlich, ja sogar notwendig und wünschenswert, außer wenn die Nacht hereinbricht.“
Mit When Night Falls (2026) greift der französische Künstler Éric Baudelaire das von Barthes entworfene Bild erneut auf. Ausgehend vom Begriff der Nacht als Metapher für einen verschärften Zustand der Entfremdung verwebt Baudelaires Film sieben scheinbar disparate Orte zu einem Zeugnis der Pracht und Grausamkeit des sozialen Lebens: Europas größte Blumenfarm in Soria, eine Trading School in La Défense, das Nationale Labor für Metrologie und Versuche, eine UNESCO-Versammlung, ein Skulpturenlager in Ivry-sur-Seine, ein Wahllokal in der Normandie sowie das Nationale Institut für blinde Jugendliche in Paris. In einer Zeit, in der ein Krieg nach dem anderen unsere Bildschirme überschwemmt, verweist die Metapher der hereinbrechenden Nacht nicht nur auf die alptraumhaften Bedingungen der Gegenwart. Sie ruft auch eine ebenso vertraute wie drängende Frage auf: Welche Formen des Zusammenlebens lassen sich heute denken, erfahren und begehren?
In Vertiefung der Themen von Baudelaires Film nimmt das Begleitprogramm den Begriff der Infrastruktur als konzeptuelle Linse und politisches Werkzeug in den Blick. Wenn wir unter Infrastrukturen jene materiellen Bedingungen verstehen, die soziale Beziehungen in einer bestimmten Form ermöglichen und verstetigen, was bedeutet es dann, diese Bedingungen und ihre Kontingenz sichtbar zu machen? Im Anschluss an Marina Vishmidts Vorschlag einer Infrastrukturkritik, die diese Bedingungen als „durch Kämpfe und unterschiedliche Formen des Bewohnens und der Zerstreuung neu anordnungsfähig“ begreift, versammelt das Begleitprogramm vier Positionen, die sich dem Infrastrukturbegriff anhand zweier miteinander verflochtener Fragen widmen: Wie bringen Infrastrukturen Formen von Enteignung und Vernachlässigung hervor, und wie können sie für andere Zwecke umgedeutet und neu besetzt werden?
Mit Beiträgen von Erika Balsom, Éric Baudelaire, Aria Dean, Jan Kunkel und Isabel Millar
Kuratiert von Jakob Grüner und Nan Xi