When Night Falls
Vierteiliges Begleitprogramm zur Ausstellung Éric Baudelaire: When Night Falls
13. Jun. 2026, 15 Uhr: Gespräch, Éric Baudelaire & Erika Balsom
23. Jun. 2026, 19 Uhr: Lecture & Gespräch, Aria Dean
9. Jul. 2026, 19 Uhr: Lecture & Gespräch, Isabel Millar
29. Aug. 2026, 19 Uhr: Performance, Jan Kunkel
Éric Baudelaire, When Night Falls, 2026, Filmstill. Courtesy der Künstler.
Im Jahr 1976 hielt Roland Barthes seine erste Vorlesungsreihe am Collège de France. Anhand der Lektüre von fünf literarischen Texten, die unterschiedliche soziale Topoi und die mit ihnen verbundenen Lebensweisen repräsentieren, untersucht Barthes seinen Begriff der „Idiorrhythmie“, eine Form der Sozialität, die die Dialektik zwischen dem persönlichen Rhythmus jedes Einzelnen und der Struktur der Gruppe vermittelt. Ausgehend vom Bild einer Klostergemeinschaft, die sich versammelt, um der Nacht zu trotzen, schreibt Barthes: „Einander fremd zu sein ist unausweichlich, ja sogar notwendig und wünschenswert, außer wenn die Nacht hereinbricht.“
Mit When Night Falls (2026) greift der französische Künstler Éric Baudelaire das von Barthes entworfene Bild erneut auf. Ausgehend vom Begriff der Nacht als Metapher für einen verschärften Zustand der Entfremdung verwebt Baudelaires Film sieben scheinbar disparate Orte zu einem Zeugnis der Pracht und Grausamkeit des sozialen Lebens: Europas größte Blumenfarm in Soria, eine Trading School in La Défense, das Nationale Labor für Metrologie und Versuche, eine UNESCO-Versammlung, ein Skulpturenlager in Ivry-sur-Seine, ein Wahllokal in der Normandie sowie das Nationale Institut für blinde Jugendliche in Paris. In einer Zeit, in der ein Krieg nach dem anderen unsere Bildschirme überschwemmt, verweist die Metapher der hereinbrechenden Nacht nicht nur auf die alptraumhaften Bedingungen der Gegenwart. Sie ruft auch eine ebenso vertraute wie drängende Frage auf: Welche Formen des Zusammenlebens lassen sich heute denken, erfahren und begehren?
In Vertiefung der Themen von Baudelaires Film nimmt das Begleitprogramm den Begriff der Infrastruktur als konzeptuelle Linse und politisches Werkzeug in den Blick. Wenn wir unter Infrastrukturen jene materiellen Bedingungen verstehen, die soziale Beziehungen in einer bestimmten Form ermöglichen und verstetigen, was bedeutet es dann, diese Bedingungen und ihre Kontingenz sichtbar zu machen? Im Anschluss an Marina Vishmidts Vorschlag einer Infrastrukturkritik, die diese Bedingungen als „durch Kämpfe und unterschiedliche Formen des Bewohnens und der Zerstreuung neu anordnungsfähig“ begreift, versammelt das Begleitprogramm vier Positionen, die sich dem Infrastrukturbegriff anhand zweier miteinander verflochtener Fragen widmen: Wie bringen Infrastrukturen Formen von Enteignung und Vernachlässigung hervor, und wie können sie für andere Zwecke umgedeutet und neu besetzt werden?
Mit Beiträgen von Erika Balsom, Éric Baudelaire, Aria Dean, Jan Kunkel und Isabel Millar
Kuratiert von Jakob Grüner und Nan Xi
Gefördert von Stiftung Kunstfonds.
Éric Baudelaire & Erika Balsom
Anlässlich der Eröffnung der Ausstellung When Night Falls werden der Künstler Éric Baudelaire und die Filmwissenschaftlerin und Kritikerin Erika Balsom am 13. Juni 2026 um 15 Uhr in der Kapelle der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche miteinander ins Gespräch kommen.
Beide führen seit mehreren Jahren einen fortlaufenden Dialog. Ihre Gedanken begegneten sich erstmals in Balsoms Essay „The Reality-Based Community“ (2017), der Baudelaires Film Also Known as Jihadi (2017) zum Ausgangspunkt nimmt, um die politische Tragweite des Dokumentarfilms und dessen Verhältnis zur Wirklichkeit zu verhandeln. Ausgehend von der Fünf-Kanal-Videoinstallation When Night Falls (2026) kehren Baudelaire und Balsom nun zu diesen Fragen zurück: Auf welche Art und Weise ließe sich “Faktizität mit Sorgfalt bekräftigen und dadurch die epistemologischen Ängste der Gegenwart mildern“? Und: “Wie könnte ein Film eine reparative Beziehung zu einer umkämpften Wirklichkeit aufnehmen?”
Éric Baudelaire, When Night Falls, 2026, Film Still. Courtesy der Künstler.
Erika Balsom ist Reader für Film- und Medienwissenschaft am King’s College London und Autorin von fünf Büchern, darunter After Uniqueness: A History of Film and Video Art in Circulation (2017) sowie The Edges of Cinema: Essays on 21st Century Film Culture (2026), eine Sammlung von Texten aus zehn Jahren filmkritischer Praxis, die im Laufe dieses Jahres bei Columbia University Press erscheinen wird. Ihre Texte wurden unter anderem in Camera Obscura, e-flux, Film Comment und New Left Review veröffentlicht. Ihre kuratorische Arbeit bewegt sich an der Schnittstelle von Kino- und Ausstellungsraum und umfasst unter anderem die Überblicksausstellung No Master Territories: Feminist Worldmaking and the Moving Image, die 2022 am Haus der Kulturen der Welt in Berlin eröffnet wurde und seither international gezeigt wird. Derzeit ist sie Fellow in Residence an der British School at Rome.
Éric Baudelaire ist ein in Paris lebender Künstler und Filmemacher. Ausgebildet als Politikwissenschaftler, entwickelte er eine forschungsbasierte künstlerische Praxis, die Fotografie, bewegtes Bild, Installation und Performance umfasst. Seine Spielfilme wurden auf bedeutenden Filmfestivals wie der Berlinale, in Locarno und beim New York Film Festival gezeigt sowie in Ausstellungen präsentiert, in denen sie als Teil größerer Installationen erscheinen, die weitere Werke, Archivmaterialien und umfangreiche Vermittlungsprogramme miteinander verbinden. In den letzten Jahren wurden seine Arbeiten im Centre Pompidou, im MMK Frankfurt, in der Kunsthalle St. Gallen, im Museo Reina Sofía, in der Bergen Kunsthall, im Kunstinstituut Melly, im Fridericianum, im Beirut Art Center und bei Gasworks gezeigt sowie auf der São Paulo Biennale, der Whitney Biennial, der Sharjah Biennale, der Taipei Biennale und aktuell auf der Venedig Biennale.
Aria Dean
Killing Time
Temps mort, oder „tote Zeit“, bezeichnet im Kino seit Langem eine bestimmte Haltung: eine Aufmerksamkeit für Nicht-Ereignis und Dauer, die eine spezifische Beziehung zwischen Bild und Wirklichkeit eröffnet. In ihrem Vortrag entwirft Aria Dean eine weitere Ausprägung von temps mort, die sich nicht nur auf den Einsatz von Echtzeit und Non-Aktion bezieht, sondern auf das umfassendere Vorhaben, ein Kino zu präsentieren, das aus Echtzeitsimulation heraus produziert wird. Eine wachsende Zahl von Künstler*innen und Filmemacher*innen nutzt Game-Engines, 3D-Modellierung und Echtzeitsimulationswerkzeuge, um nicht-fantastische Bilder zu erzeugen, die sich mit der Geschichte des filmischen Realismus sowie der experimentellen materialistischen Filmkunst auseinandersetzen. Eine Beschäftigung mit der Zeitlichkeit dieser Bilder schärft den Blick für die Beziehung zwischen Subjekt und Welt in ihnen und formt damit das, was als ein Kino des „Unrealismus“ bezeichnet werden kann.
Filip Kostic, Arbeitsbilder aus dem Set-Design von The Color Scheme, 2025. Digitale-Animation-Stills. Courtesy Aria Dean und Filip Kostic.
Aria Dean ist eine Künstlerin, Autorin und Filmemacherin mit Sitz in New York City. Ihre Arbeiten wurden in den USA und international vielfach ausgestellt. Zu ihren jüngsten Ausstellungen zählen Facts Worth Knowing im Chateau Shatto, Los Angeles (2024); Aria Dean: Abattoir am Institute of Contemporary Arts, London (2024); Figuer Sucia bei Greene Naftali, New York (2023); Abattoir, U.S.A! in der Renaissance Society, Chicago (2023); sowie Quiet as It’s Kept: Whitney Biennial 2022 im Whitney Museum of American Art, New York (2022), neben zahlreichen weiteren Ausstellungen. Ihr erstes Buch mit gesammelten Texten, Bad Infinity: Selected Writings (Sternberg Press, 2023), erschien 2023. Zuletzt feierte ihr Theaterstück The Color Scheme (2025), das von der Hartwig Art Foundation und Performa in Auftrag gegeben wurde, seine Europapremiere im HKW (Haus der Kulturen der Welt) in Berlin.
Isabel Millar
Idiorrhythmy: A Psychoanalysis of Orbits
1976 hält Roland Barthes seine Vorlesungsreihe „Wie zusammen leben“ am Collège de France. Anhand verschiedener literarischer Beispiele untersucht er unterschiedliche gemeinschaftliche Strukturen sowie die Mittel, mit denen das Individuum seine Freiheit, Unabhängigkeit und idiosynkratische Existenz bewahrt: eine Idiorhythmie des Alltagslebens. Der Wohnblock, das Sanatorium, die Gefängniszelle, die einsame Insel und die asketische Gemeinschaft werden zu Schauplätzen, an denen die Grenzen zwischen Selbst und Anderem ausgelotet werden. Mithilfe von Romanfragmenten lässt Barthes erahnen, wie unterschiedliche Fantasien häuslichen und gemeinschaftlichen Lebens unseren Vorstellungen politischer Subjektivität zugrunde liegen.
Indem wir diese Herausforderung heute in einer Epoche sowohl maximaler Entfremdung als auch übermäßiger Nähe aufgreifen, lässt sich untersuchen, wie verschiedene ungewöhnliche Formen sozialer Bindung erzeugt werden: Modi der Individuation und der Gemeinschaftsbildung werden in den extremsten Verfahren, abwechselnd sadistisch und masochistisch, erprobt; die Beziehungen zum Anderen, zum Körper und zum Gesetz sind durch unterschiedliche Register von Abjektion und Absorption strukturiert. Allen gemeinsam jedoch ist die Zirkulation um eine bestimmte sexuelle Nicht-Relation: ein Regime, das sich als „patipolitisch“ bezeichnen lässt – eine Politik des Leidens. Auf welche Weise wurde diese libidinöse Infrastruktur hervorgebracht, und wie lässt sich im Anschluss daran eine Ethik formulieren?
Isabel Millar. Foto: Stephen Benedicto
Isabel Millar ist Philosophin und psychoanalytische Theoretikerin aus London. Sie ist die Autorin des vielbeachteten Werks The Psychoanalysis of Artificial Intelligence (Palgrave 2021) sowie von Patipolitics, das demnächst bei Bloomsbury erscheint. Ihre Arbeit wird international in Medien und akademischen Foren veröffentlicht und wurde in mehrere Sprachen übersetzt. Sie ist Professorin für Philosophie und Psychoanalyse am Global Centre for Advanced Studies.